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Persönliche Stellungnahme zum öffentlichen Streit um das Stundenläuten in der Gemeinde Herz- Jesu, Essen Burgaltendorf

Liebe Schwestern und Brüder!

 

 

Als ich vor vier Jahren meinen Dienst hier in Herz Jesu aufgenommen habe, kam ich aus einer schweren Konfliktsituation. Ich weiß, was es bedeutet, wenn du morgens die Zeitung aufschlägst, Dinge über dich behauptet werden, die falsch und verleumderisch sind und du kannst dich nicht wehren. Ich kenne Shitstorm, wüste Beschimpfungen im Internet und Diffamierung.

 

Hier nun, in der Gemeinde Herz Jesu durfte ich eine andere Atmosphäre erfahren. Ein höflicher Umgang, freundlich im Ton. Herzlich Willkommen, steht im Eingang unseres Gemeindeheimes. Das durfte ich erfahren. Das hat mir damals gut getan und mir geholfen, mich in unserer Gemeinde schnell zuhause zu fühlen. 

 

Deswegen macht es mich sprachlos, was ich zurzeit erleben muss. Der Unmut, der sich gegen unsere neuen Nachbarn aus den Häusern neben unserer Kirche ergießt: In Zeitungsartikeln wird behauptet, man habe sich über das Glockengeläute beschwert, Unterschriftenlisten werden ausgelegt, bei Facebook ergießt sich ein unglaublicher shitstorm über sie. Sie werden als neureiche Juppis oder Schwachmatten beschimpft.  Das schlimmste aller Schimpfworte aber lautet: Neuzugezogene!

 

Ganz, ganz wichtig ist es zu wissen, - und ich bitte Sie, das in den Gesprächen immer wieder zu betonen - Nicht ein einziger der Bewohner, nicht eine einzige Bewohnerinnen der neuen Häuser an der Kirche hat sich über das Läuten beschwert.

 

Was ist geschehen? Warum gibt es zwischen 23:15 Uhr und 05:45 Uhr keinen Stundenschlag mehr?

 

Zwei Menschen haben einen höflichen Brief an den Gemeinderat geschrieben, und darin von ihrer Situation und ihren gesundheitlichen Problemen berichtet. Sie betonten, dass sie grundsätzlich nichts gegen das Glockengeläut hätten, fragten aber an, ob es möglich sei, das nächtliche Läuten für einige Stunden abzustellen. Jeder von uns, der nachts schon einmal mit Schmerzen wach gelegen hat, der unter Schlafstörungen leidet oder den schwere Sorgen belasten, wird diese Bitte nachvollziehen können. In der Nacht können Minuten zu Stunden werden.

 

Der Gemeinderat ist ein demokratisch gewähltes Gremium. Er vertritt die Gemeinde und hat für sie Entscheidungen zu treffen. Das ist seine Aufgabe.

 

Bei unserer Entscheidung hatten abzuwägen: auf der einen Seite die Tradition des  Stundenschlags und auf der andren  Seite die Situation von Kranken. Bei der Abwägung ließen wir uns auch von der Frage leiten: wie würde Jesus in dieser Situation reagieren? (erinnern wir uns an die Heilung eine Kranken am Sabbat – wo Jesus das Wohl des Menschen über die Tradition gesetzt hat. Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat).

 

Wir haben in zwei öffentlichen Sitzungen beraten, die Tagesordnung war allen zugänglich. Wir haben einen Hausbesuch gemacht, um uns einen Eindruck von der Situation zu machen. Am Ende der Beratungen haben wir den Beschluss gefasst, dass der Glockenschlag von 23.15 Uhr bis zum nächsten Morgen um 5.45 Uhr ausgesetzt werden sollte. 

 

Was zu bedenken ist: 

 

Die Baugrube war noch nicht ganz ausgehoben, da standen die ersten Unheilspropheten auf und behaupteten: Mit Sicherheit würden die neuen Bewohner sich über den Glockenschlag beschweren. Eine düstere Prophezeiung, die sich jetzt erfüllt hätte. Glaubt diesen falschen Propheten nicht! Lauft ihnen nicht nach!

 

Niemand hat sich beschwert. Wir sind gebeten worden, und wir sind einer Bitte nachgekommen, weil wir eine Gemeinde sind, die auf das Wohl der Menschen achtet - und das soll so bleiben. 

 

Für die meisten unserer neuen Nachbarn ist es das erste Weihnachten in einem für sie neuen Stadtteil und einer neuen Gemeinde. Glauben wir allen Ernstes, dass unsere Nachbarn nach diesen Vorkommnissen noch vorbehaltlos einen Fuß in unsere Kirche setzten und mit uns Weihnachten feiern können?

 

Anfang Januar – und das ist eine gute Tradition unserer Gemeinde – laden wir alle Neuzugezogenen zu einem Treffen ein. Würde ich – wenn ich neu in Burgaltendorf wäre – auf diese Einladung reagieren, wenn man mich öffentlich verleumdet hätte? Wenn behauptet worden wäre, ich sei ein Schwachlappen, ein neureicher Juppi oder nur ein Neuzugezogener ohne eigen Rechte? Wenn Unterschriften gesammelt worden wären?

 

„Gastfreundlich Gemeinde sein!“ Das steht als Leitsatz im Eingang unseres Gemeindeheimes. Dass wir das sind, ist ein hohes Gut, das sollten wir nicht aufs Spiel setzen. 

 

Zum Schluss ein verwegener Vorschlag: Bestimmt hat der eine seine oder die andere ihre Unterschrift schon gegeben, weil Sie von anderen Voraussetzungen ausgegangen sind. Wir stehen vor dem Fest des Friedens – vielleicht haben Sie den Mut und die Kraft, ihre Unterschrift dort wieder zu streichen. 

 

Schalom, einen besinnlichen Adventsonntag und wir sehen uns zum Fest.

 

Ihr Pastor Hans-Ulrich Neikes