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Pastor Neikes: Impuls zum 3. Sonntag im JK - 24.01.2021

Evangelium Mk 1, 14–20                   Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

Nachdem Johannes der Täufer ausgeliefert worden war,
ging Jesus nach Galiläa;
er verkündete das Evangelium Gottes
und sprach: Die Zeit ist erfüllt,
das Reich Gottes ist nahe.
Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

Als Jesus am See von Galiläa entlangging,
sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon,
die auf dem See ihre Netze auswarfen;
sie waren nämlich Fischer.
Da sagte er zu ihnen:
Kommt her, mir nach!
Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen
und folgten ihm nach.
Als er ein Stück weiterging,
sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus,
und seinen Bruder Johannes;
sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.
Sogleich rief er sie
und sie ließen ihren Vater Zebedäus
mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück
und folgten Jesus nach.



Was war das bloß für ein Jahr?

Was müssen wir fürchten?

Was dürfen wir hoffen?

 

Drei Fragen, die frei nach Immanuel Kant1 Anfang Januar in einer Kultursendung des Ersten Deutschen Fernsehens 2 Künstlerinnen und Künstlern gestellt worden sind.

 

Was war das bloß für ein Jahr? Für die Befragten war es ein hartes Jahr. Es gab keine Vorstellungen in Theatern, keine Musik in Konzerthallen, keine Ausstellungen und vieles mehr. Sie konnten ihren Beruf nicht ausüben. Nicht wenige gerieten in Existenznöte. Die Antworten auf die zweite Frage verwundern mich deshalb nicht. Durch die Bank befürchteten die Befragten, dass die Pandemie und der damit verbundene Lockdown noch lange anhält.

 

Der österreichische Liedermacher Konstantin Wecker sagt: „Ich habe persönlich erst 2020 gemerkt, wie selbstverständlich ich es genommen hab‘, seit 50 Jahren jedes Jahr bei 100 Konzerten auf der Bühne zu stehen, Publikum haben zu dürfen, umarmt zu werden von meinem Publikum!“ Was wir für selbstverständlich halten, ist nicht selbstverständlich und das Selbstverständliche läuft Gefahr, dass es uns als Wert gar nicht mehr bewusst ist. Für den Künstler waren es seine Konzerte und die Beziehung zum Publikum. Auch mir fehlt, was ich früher für selbstverständlich und alltäglich gehalten haben: z. B. Nähe, Begegnung, Gottesdienste, das gemeinsame Singen. Ich merke, wie wichtig das alles für mein Leben ist.

 

Was war das bloß für ein Jahr? Ja, wir haben so manches vermisst und anderes neu entdeckt. Die Kabarettistin Luise Kinseher hat plötzlich gemerkt, dass sie Nachbarn hat.

 

Mir ist noch ein anderer Aspekt aufgefallen. In Corona-Jahr 2020 ist ein Rekord-Rückgang der weltweiten CO2-Emissionen um sieben Prozent verzeichnet worden. Zur Begründung verweist das "Global Carbon Project", das den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen protokolliert, in seinem Jahresbericht auf das Herunterfahren der Wirtschaft in aller Welt zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Weniger Flugzeuge, weniger Konsum, weniger Ressourcenverbrauch. Die Schöpfung atmet auf, weil die Menschheit sich einschränkt.

 

Was wir vielleicht als wichtig gedacht haben, wird plötzlich unwichtig, und das Alltägliche plötzlich wesentlich.

 

Aber haben wir das nicht schon immer gewusst?

 

Was dürfen wir hoffen? Auf diese Frage antwortet der Schriftsteller Wladimir Kamin:

„Die Leute möchten ein ganz normales, langweiliges Leben führen, aber die Wirklichkeit spielt gerade verrückt.“

 

Soll alles wieder so werden wie vor der Pandemie? Sollen wir wieder in den alltäglichen Alltag eintauchen? Will ich das? „Mensch werde wesentlich!“, sagt der Mystiker Angelus Selesius.

 

Das Evangelium führt uns in das ganz normale und alltägliche Leben der Fischer vom See Genezareth. Die einen werfen gerade ihre Netze aus, die anderen setzen sie wieder in Stand. Das ist ihr Leben. In der Nacht hinausfahren, das Netz auswerfen und einholen, die Fische sortieren, verkaufen und die Netze wieder klar machen. So sieht ihr Alltag aus. Bis eines Tages jemand kommt, der sie aus diesem Alltag herausreißen wird: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Mk 1,15 Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes sind nicht nur Fischer, sie sind auch fromme Juden. Die Botschaft Jesu ist für sie nicht Neues. Das Reich Gottes ist Israels Hoffnung auf eine andere und bessere Welt. Die Propheten haben davon erzählt, in den Psalmen beten die Menschen darum: „Deine Herrschaft, o Gott bleibt immer und ewig bestehen. In deinem Reich herrscht vollkommene Gerechtigkeit, denn du liebst das Recht und hasst das Böse.“ Ps 45,7f Reich Gottes ist das uralte Wissen in der Geschichte Israels, dass Gott das Geschick der Welt in seinen Händen hält und leitet. Doch den frommen Männern geht es nicht anders als uns. Da sind die heiligen Schriften, und da sind die Herausforderungen des Alltags. Im Betrieb des Alltags scheint es Wichtigeres und Dringlicheres zu geben und die Hoffnung hält sich leise zurück.

 

Später auf dem Weg mit Jesus sollte für sie dieses Reich Gottes immer deutlichere Gestalt annehmen. Ein Reich, das allem Gegenwärtigen und Irdischen entgegengesetzt ist. Eine Ordnung diametral entgegengesetzt zur menschlichen Ordnung. Es geht um Frieden und Versöhnung, was klein ist, steht ganz groß da, keine geschlossene Gesellschaft.

 

Der Ruf Jesu war für sie ein Weckruf, – er weckte, was in ihnen schlummerte und einmal wach, wollten sie nicht wieder einschlafen. „Die Zeit ist erfüllt.“ Mk 1, 15 Die Zeit ist reif. Wenn nicht jetzt, wann dann? „sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach“ Mk 1,18

 

Die zurückliegenden Monate will ich nicht schönreden, aber könnte die Zeit der Pandemie für uns nicht auch ein Weckruf sein?

 

Worauf kommt es in meinem Leben an?

Was kann ich getrost beiseitelassen und was möchte ich festhalten?

Wie kann/ soll/ darf ich leben?

 

Verschüttetes kann geweckt und wieder lebendig gemacht werden. Die Jünger am See könnten eine Ermutigung sein, dass so etwas geht. Wir sind in einer Krise. Krise bedeutet aber bedeutet auch Chance.

 

„Mensch werde wesentlich!“

 

Was dürfen wir hoffen? Dass alles wieder so wird wie vor der Pandemie? Ich hoffe nicht.

 

1. Der Philosoph Immanuel Kant(+ 1804) formulierte drei Grundfragen der Philosophie:

1. Was kann ich wissen?

2. Was soll ich tun?

3. Was darf ich hoffen?

2. Titel, Thesen, Temperamente (ARD 17.01.20212)


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3. So Jk Lj B 24. 01. 2021.pdf
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