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Pastor Neikes: Impuls zum 2. Fastensonntag - 28.02.2021

Aus dem Markusevangelium (9,2-10)

 

In jener Zeit 2 nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; 3 seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. 4Da erschien ihnen Elíja und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus. 5 Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elíja. 6 Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen. 7 Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. 8 Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus. 9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. 10 Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.



 

 

Sein Blick geht immer wieder zu dem Kugelschreiber, an dem er scheinbar gelassen herumnestelt. Es ist die Pressekonferenz zum Auftakt der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe. Bischof Bätzing, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, gerät in die Defensive. Denn natürlich fragen die Journalisten und Journalistinnen nach den Vorkommnissen im Erzbistum Köln in Zusammenhang mit dem zurückgehaltenen Gutachten über die Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern und deren Vertuschung. Er glaube Kardinal Woelki. Er glaube, „dass er aufarbeiten will, dass er Transparenz will, dass er Vertuscher und Vertuschung beim Namen nennen wird.“ Bischof Bätzing bittet um Geduld bis zu neuem Gutachten. Natürlich habe er aber auch Verständnis für die Unruhe, die in Zusammenhang mit den Vorkommnissen um das zurückgehaltene Gutachten. „Jetzt bleibt uns nichts anderes als zu warten, bis der 18. März kommt.“ Bis dahin soll ein neues Gutachten vorliegen und veröffentlicht werden. Also: Geduld.

 

"Bischof Bätzing über die Situation in Köln nicht glücklich" lautet eine Überschrift auf der Homepage der "Vatican-News".

 

Ja, ein mutiges und entschiedenes „Wir packen es an!“ sieht anders aus.

 

Kardinal Wölki hat sich, um Vorwürfe gegen seine eigene Person zu entkräften, an Papst Franziskus gewandt. Der HL. Vater soll prüfen, ob ihm ein kirchenrechtliches Fehlverhalten vorzuwerfen sei.

 

Der eine formuliert vorsichtig und nach allen Seiten hin offen, der andere delegiert die Verantwortung, sein Tun zu bewerten an die nächsthöhere Instanz. Der Theologe Benedikt Jürgen bescheinigt der Kirche „eine Führungskrise, weil die katholische Kirche als führungsschwach erlebt wird, auf allen Ebenen. Die oberste Ebene der Bischöfe ist krisengeschüttelt.“ Hinzu komme die mangelnde Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. „Das habe ich getan, dafür bin ich verantwortlich. Stattdessen fragt man dann in Rom nach, ob man alles richtig gemacht hat.“ (1)

 

Sind das die Leitenden, die uns aus der Krise führen werden?

 

Zwei starke Typen, zwei Propheten aus der Geschichte Israels treffen heute im Evangelium mit Jesus, den Jüngern und mit uns zusammen. Elija und Mose. Mose stelle ich mir als einen unglaublich charismatischen Menschen vor. Er war mutig genug, einem Pharao entgegenzutreten und Freiheit zu fordern. Er hat es geschafft, ein ganzes Volk zum Aufbruch zu bewegen und einer Zusage Gottes zu folgen. Keine Angst vor Wasser und Wüste, aber mit der Verheißung, dass sich der Weg lohnt. Unterwegs gab es Krisen, Konflikte, Revolten, Verzagtheit, Zweifel und Mutlosigkeit. Vom Aufruhr gegen Mose „Mose schrie zum HERRN: Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Es fehlt nur wenig und sie steinigen mich“ (Ex 17,4) bis hin zum Aufstand gegen Gott beim Tanz ums Goldene Kalb. (Exodus 32,19) Aber immer wieder gelang es Mose, sich mit den Menschen an die Verheißung zu erinnern und weiterzugehen durch die Wüste in die Freiheit.

 

Bewirkte die äußere Freiheit, auch eine innere?

 

Als Elija auftrat, kam die Verehrung Baals, eine Naturgottheit, groß in Mode. Die Menschen wollten sich Gott irgendwie begreifbar und erfahrbar machen, ähnlich wie beim Goldenen Kalb. Baal ein Gott - so recht nach unseren Vorstellungen. Gott müsste doch irgendwie berechenbar sein. Auf Opfer müsste er mit Gaben reagieren, auf Opferblut von Menschen und Tieren mit fruchtbringendem Regen. Im Land der Verheißung angekommen, hatten sie sich so neu in Abhängigkeit und Unfreiheit gebracht. Elija kämpfte gegen diesen Glauben, der den Menschen immer nur Opfer abverlangten und sie in Angst und Abhängigkeit hielt. (1 Kön 18)

 

Jesus nimmt also Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Sie sind die Jünger der ersten Stunde, die mit ihm vom See Genezareth aufgebrochen sind. Sie haben seine Worte gehört, die Wunder erlebt, staunend haben sie wahrgenommen, wie Menschen Jesus gefolgt sind und seine Nähe suchten. Und immer wieder haben sie sich gefragt, "wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?" (Mk 4,41)

 

Hier auf dem Berg erhalten die Jünger eine Antwort auf diese Frage. Sie sehen Jesus im Licht der Geschichte Israels mit Gott: „Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien ihnen Elíja und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus.“ (Mk 9, 3-5) Mose und Elija. Gottes Weg für die Menschen in die äußere und innere Freiheit.

 

Hier auf dem Berg haben die Jünger die ganze Wahrheit erfahren, die in Jesus lebt. Sie haben erfahren, wie nah uns dieser Gott in Jesus aus Nazareth gekommen ist. Die Erschütterung des Petrus, der Wunsch, diese Erfahrung festzuhalten, ist mir nur zu verständlich. „Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elíja.“ (Mk 9, 5) Auch wenn sich nun eine dunkle Wolke wie eine dunkle Ahnung auf den Berg legt, hören sie ein wichtiges Wort Gottes: „Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mk 9,7b)

 

Die Geschichte Gottes mit den Menschen soll hier noch nicht zu Ende sein. So steigen sie mit Jesus wieder den Berg hinunter in der Zuversicht, dass Gott seine Geschichte mit uns weiterschreibt. Denn eine große Freiheit steht noch aus: die Freiheit vom Tod!

 

Mit der Frage, wer die Kirche aus ihrer Krise führen kann, sind uns im Evangelium heute die Propheten Mose und Elija, Jesus und die Jünger begegnet. Mit dem Blick auf Mose und Elija tun mir die Bischöfe in ihrer Hilflosigkeit auch wieder leid. Auf wen sollen wir hören? Gott legt uns Jesus ans Herz. „auf ihn sollt ihr hören“. An seiner Seite sollen wir den Berg hinab in die Niederungen des Alltäglichen und des Unerträglichen hinabzusteigen.

 

Bevor Gott dem Mose die 10 Gebote übergab, spricht er zu Israel: „Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. … … … ihr .. sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“ (Exodus 19,5) Das II. Vatikanische Konzil greift dieses Wort auf und spricht vom Priestertum aller Gläubigen. „Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht, … … … und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat.“ (Vatikanum II/ Lumen Pentium/Kirche in der Welt von Heute Nr. 10)

 

Was wir hier in der biblischen Erinnerung und in der offiziellen Sprache kirchlicher Dokumente hören, bringt die Initiative Maria 2.0 in ihren Thesen kurz und knapp so ins Wort: „In unserer Kirche haben alle teil am Sendungsauftrag; Macht wird geteilt.“

 

Nicht nur in modernen Demokratien sieht Führung heute anders aus. Sie ist nicht zentral von oben gesteuert, sondern erfährt ihre Legitimation von unten. Es sind nicht nur die Ohren der Bischöfe, die das Wort Gottes hören. Mit welcher Sicherheit könnte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz auftreten, wenn er wüsste, hinter mir steht nicht nur eine zerstrittene Bischofskonferenz, sondern auch die Gemeinschaft der Getauften, die auf das Wort des Evangeliums hören.


Fußnoten

(1) Pressestatement von Bischof Bätzing – Auftakt der Frühjahrs-Vollversammlung

 

(2) Benedikt Jürgens vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung in Bochum (ZAP) in der Sendung „Tag für Tag“, Deutschlandfunk 24. 02.2021


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