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Pastor Neikes: Impuls zum 4. Fastensonntag - 14.03.2021

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 3, 14-21)

 

In jener Zeit sagte Jesus zu Nikodemus: 14 Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. 16 Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. 19 Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. 20 Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. 21 Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.


Wird die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar im November / Dezember dieses Jahres ein Wintermärchen, so wie sie 2006 in Deutschland zu einem Sommermärchen geworden ist? Damals lernte die Welt uns neu als gastfreundliche und faire Nation kennen, als eine Nation, die es versteht, sich zu freuen und zu feiern. Wenn am 21. November im Stadion von Al-Chaur die Flutlichter eingeschaltet werden, der Anpfiff ertönt und das erste Tor fällt, wird dann die ganze Welt wieder im frohen, glücklichen Fußballfieber vereint sein?

 

Seit der Vergabe der WM an Katar reißt aber auch die Kritik nicht ab. Da sind die klimatischen Bedingungen (zu heiß, zu trocken). Dann wird immer wieder die Frage gestellt, ob sich hier nicht ein superreicher Emir einen Kindheitstraum erfüllt. Vor allem aber gibt es die Berichte über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen bei den Stadien Bauten. Die britische Zeitung „The Guardian“ hatte Ende Februar in einem Artikel eine Bilanz der Todesfälle bei der Errichtung der Arenen in den vergangenen zehn Jahren gezogen. Die Journalisten kommen auf eine Zahl von 6500 Arbeitern, die ihr Leben verloren haben. 6500 Tote!!! (Information am Morgen, Deutschlandfunk, 12.03.2021)

 

Wenn es um Geld und Macht geht, zählt ein Menschenleben nicht viel. Dafür stehen nicht nur das Emirat von Katar und die Fußball-WM 2022. Wir sehen Menschenrechtsverletzungen aktuell in Myanmar, wo die Bevölkerung sich gegen den Putsch der Militärs auflehnt oder in Weißrussland, wo gegen ein offensichtlich gefälschtes Wahlergebnis gekämpft wird. Sie reichen in unsren Alltag hinein, wo wir uns fragen lassen müssen, unter welchen Bedingungen z. B. die Kleidung hergestellt wird, die wir möglichst günstig erwerben möchten.

 

„Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“ (Joh 3,14.15) Es geht um Leben und Tod. Damals, auf dem Weg durch die Wüste in das gelobte Land, waren die Menschen gefährdet durch den Biss giftiger Schlangen. Auf Geheiß Gottes machte Mose eine kupferne Schlange und befestigte sie an die Spitze eines Stabes. Der Blick auf die erhöhte Schlange rettete das Leben. (Num 21, 8.9) Mit diesem Symbol zieht Jesus den Vergleich zum Kreuz, an das er erhöht werden wird, damit wir das ewige Leben, d. h. ein Leben mit Gott haben.

 

Das Kreuz wird nicht in der Wüste errichtet, sondern in einer Welt, deren dunkle Seite die Unmenschlichkeit ist. Oder was wir für die Welt halten, wenn die Flutlichtanlagen angehen und die Finsternis am Rande ausblendet wird. In diese Welt hinein wird das Kreuz aufgerichtet. Der Sohn Gottes stirbt. Jesus, der die Armen, die Hungernden und die Trauernden seliggepriesen hat, wird gekreuzigt. (Mt 5,1.2.4) „Wie kann die Welt von sich aus noch einen Schimmer der Hoffnung haben, wenn sie diesen totschlägt?“ (Karl Rahner)

 

Nein, von uns aus können wir keine Hoffnung haben. Gott ist es, der die Initiative ergreift. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16) In diesen Worten Jesu kommt uns die ganze Erlösungsbotschaft des Evangeliums entgegen. Gott kommt uns entgegen. Er schließ die Kluft zwischen sich und den Menschen.

 

Wir sehen im Kreuz vor allem den Tod und die Erniedrigung des Menschensohnes. Jesus aber spricht von der „Erhöhung“. Das ist ein ungewöhnlicher Blick auf das Kreuz. Das Kreuz trennt Gott und Menschen nicht. Es ist der Ort, an dem Gottes Liebe offenbar wird und die Distanz zwischen Gott und Menschen aufgehoben wird. Die „Erhöhung“ geschieht nicht erst am Ostertag oder gar bei der Himmelfahrt Jesu. Nein, die Erhöhung findet hier am Kreuz statt.

 

Bei allem Respekt: Ein Gott, der von den Toten aufersteht, ist eben ein Gott, der über den Gesetzen der Natur steht. Er kann eine neue Schöpfung kreieren. Aber würde ein solcher Gott, der nur anders ist als wir, uns nicht letztlich fremd bleiben? Der Gott Jesu ist der Gott, der in unseren Tod geht, damit uns die Augen aufgehen für die Schattenseiten und für das Licht der Welt. Ein Gott, der in unseren Tod geht und stirbt. Mit den Wunden an Händen und Füßen, der durchbohrten Seite und mit offenen Armen macht er am Kreuz die Liebe Gottes sichtbar und erfahrbar. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt.“ Das Kreuz wird die Brücke zum Leben.

 

„Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,17) Beim Exodus wollte Gott sein Volk nicht an die Wüste und hier am Kreuz die Menschen nicht an den Tod verlieren. Wenn Gott sich auf diese Weise offenbart, wie könnte es ihm da um Gericht und Verdammnis gehen? Das Gericht vollzieht sich längst in der dunklen Seite der Welt.

 

„Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet.“ (Joh 3,18) Den ausgebreiteten Armen sollen wir uns nicht entziehen. Jesus erwartet von uns keine Leistung, sondern Vertrauen oder Glauben. Der wird nicht erzwungen. Die Freiheit des Menschen, das Dunkel zu wählen und mit den Konsequenzen zu leben, bleibt. „Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.“ (Joh 3,19)

 

Wer glaubt, der ist im Licht, und im Licht tritt das gerechte Leben zutage.

 

Der Rasenproduzent Hendriks Gras aus Heythuysen, das ist in den Niederlanden nahe der deutsch/holländischen Grenze, will die WM-Stadien in Katar nicht mit Rasen ausstatten. Zu dieser Entscheidung gab der Bericht des »Guardian« Ende Februar mit einer Bilanz der Todesfälle den Ausschlag. In einer Pressemitteilung des Familienunternehmens heißt es, man habe sich aufgrund der Menschenrechtssituation in dem Golfstaat dazu entschlossen, keinen Rasen für die Spielfelder in den Stadien zu liefern und zu verlegen. Die Familie, die für das Sommermärchen 2006 in Deutschland und die letzten drei Europameisterschaften noch den Rasen geliefert hatte, sagt: “Wir haben gesehen, was da vor sich geht. Wir wussten, dass bei den Arbeiten Menschen ums Leben gekommen sind, aber die Zahl von sechseinhalbtausend hat uns enorm erschrocken.“ (Spiegel online/ Wirtschaft/ 12.03.2021)

 

„Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“ (Joh 3,21) Ob die Familie Hendriks eine christliche Familie ist und ihr Leben nach dem Evangelium Jesu ausrichten, weiß ich nicht. Aber sie ist für mich ein erhellendes Beispiel, dass ein anderes Leben, eine andere Welt möglich ist, wo Menschen aus der Wahrheit leben.



Fußnoten


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4. So Fa So Lj B 14. 03. 2021.pdf
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