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Pastor Neikes: 4. Sonntag der Osterzeit

 Aus dem Evangelium nach Johannes (10, 11-18)

 

11 Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. 12 Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht, 13 weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. 14 Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. 16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. 17 Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. 18 Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.


Alles aus diesem Evangelium ist uns vertraut. Der gute Hirte, die Schafe, der böse Wolf. Weil das so ist, hören und lesen wir nicht mehr das Außergewöhnliche in den Worten Jesu. Denn das mit dem guten Hirten ist eine ganz ungeheure Geschichte. Sie hat das Zeug, unser Welt-, Menschen- und Gottesbild auf den Kopf zu stellen.

 

Schauen wir erst auf die Bilder, die uns vertraut sind:

 

Wir sehen eine Herde von Schafen - vielleicht steigen in uns Bilder von den Ruhrauen auf oder Urlaubserlebnisse aus dem Ländlichen. Friedlich grasende Wiederkäuer. Begleitet von einem Hirten, der ganz im Einklang mit sich und der Natur lebt. Er leitet und führt die Schafe, bringt sie zu den besten Wiesen und sorgt für sie. Vielleicht hat er ein Lamm geschultert und trägt es sicher und sorgsam, damit es den Anschluss an die Herde nicht verliert.

 

Seine Fürsorge ist allerdings nicht ganz selbstlos, denn er lebt von den Schafen. Ihre Wolle schert er, die Milch trinkt er und das Fleisch isst er.

 

Ein Hirte mit seiner Herde, ein friedliches Bild. Doch die Idylle trügt. Ringsherum lauern Wölfe. Sie warten geduldig auf die Dunkelheit der Nacht oder auf einen Augenblick der Unaufmerksamkeit des Hirten. Dann greifen sie an, rauben und reißen die Schafe.

 

Die fliehenden Tagelöhner aus dem Evangelium haben mein Verständnis. Warum sollten sie ihr Leben riskieren? Ihren Lohn erhalten sie, und vom Gewinn wird der Besitzer ihnen nicht mehr abgeben als ausgehandelt. Also machen sie sich davon, denn auch ihr Leben ist in Gefahr.

 

„Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe!“ (Joh 10, 11)

 

Jetzt beginnt die Sache fragwürdig zu werden. Was ist das für ein Hirt, der sein Leben für die Schafe gibt? Er lebt doch von dem umgekehrten Verhältnis. Die Tiere geben ihr Leben, damit es dem Hirten gut geht. Aus diesem Grund leuchtet ein, dass er seine Herde zwar verteidigt und schützt aber, dass er sich gleichsam dem Wolf ausliefert, ja stirbt, damit die Schafe leben, das widerspricht jeder Lebenserfahrung.

 

Was ist das für ein Hirt, der sein Leben für die Schafe gibt?

 

So einer passt nicht ins gängige Berufsbild. Ihm liegt an den Schafen nicht nur, weil er von ihnen lebt. Er hat keinen rein wirtschaftlichen Blick auf seien Herde.

 

„Ich bin der gute Hirt. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich. Wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne.“ Jo 10, 14.f

 

Jesus vergleicht das Verhältnis des guten Hirten zu seinen Schafen mit seinem Verhältnis zu Gott. „Wie mich der Vater kennt“! Wenn Jesus hier vom Kennen spricht, dann kann es nicht um ein Kennen gehen, so wie ich etwa einen Nachbarn kenne. Oberflächlich. Vielleicht kenne ich noch seinen Namen. Manchmal sagen wir in einer Auseinandersetzung: „Ich kenne Dich!“, und meinen damit, dass wir zu wissen glauben, wie jemand ist. Welchen Charakter er hat. Wenn wir einmal den negativen Beigeschmack fortlassen, nähern wir uns dem, was Jesus uns sagen möchte. Es geht um ein Erkennen. „Gott ist Liebe“ lesen wir im 1. Johannesbrief (1 Joh 4,16). Der Vater und der Sohn erkennen sich in Liebe und das bedeutet Zuneigung, Verbundenheit und Gemeinsamkeit.

 

Der Hirte, von dem Jesus spricht, der hat ein Plus, was der „normale“ Hirte, sei er auch noch so gut und der Tagelöhner schon lange nicht haben: Der gute Hirte kennt die Tiere losgelöst von ihrer Funktion als wirtschaftliche Grundlage seines Lebens. Er kennt sie, das heißt er hat eine liebevolle Beziehung zu ihnen.

 

In den Ohren der damaligen Hörer muss diese Geschichte geradezu atemberaubend geklungen haben. Denn zur Zeit Jesu wurden unzählige Tiere im Tempel zu Jerusalem geopfert. Das heißt: Sie gaben ihr Leben und die Menschen nahmen ihnen das Leben.

 

Jesus dreht den Spieß nun um. Nicht die Schafe werden geopfert, sondern der, für den doch all die Opfer im Tempel gelten und galten, gibt sein Leben. Jesus stellt das Gottesbild der Gläubigen auf den Kopf: nicht mehr der Mensch opfert Gott, sondern Gott opfert sich. Gott gibt sich hin, schenkt sein Leben für …?

 

Ja, für wen und für was eigentlich?

 

Die Schafe sind in Gefahr. Ringsherum lauern die Wölfe, die nur darauf warten, dass der Hirte einen Augenblick unaufmerksam ist. Seit Märchenkindertagen wissen wir, was der Wolf bedeutet.

 

Er bedeutet den sicheren Tod.

 

Jetzt öffnet sich das Bild für uns und wir beginnen zu erahnen, um was es geht. Es geht um uns. Es geht um mich. Um mein Leben und um meinen Tod. Besser gesagt um die Angst im Leben und die Angst vor dem Tod. Dafür opfern Menschen im Tempel Rinder, Schafe, Böcke und Tauben. Dafür vergießen sie das Blut der Opfertiere, damit ihr Blut weiterleben kann. Dafür beten wir, entzünden Kerzen und hoffen - hoffen, dass der Schatten des Todes an uns vorüberziehen möge.

 

Aber gegenüber dem Tod sind wir so hilflos wie die Schafe auf den nächtlichen Hürden, die von den Wölfen umkreist und belauert werden. Sie warten auf die passende Gelegenheit.

 

„Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe!“ Joh 10,11

 

Mit keinem Opfer, keinem Tierblut, keiner Kerze und keinem Gebet können wir den Tod umgehen.

 

Er wird kommen. Geduldig wartet er auf seine Gelegenheit.

 

Aber in diese Begegnung mit dem Tod ist uns schon einer vorangegangen. Wir sind hilflose Schafe, aber wir haben einen guten Hirten, der einen Weg für uns geschaffen hat, weil er ihn gegangen ist. „Der gute Hirte gibt sein Leben hin für die Schafe!“ Jesus weist hier schon hin auf seine Passion am Kreuz. Die Wölfe haben ihre Bedrohung verloren. In den Nächten unseres Lebens können wir ohne Angst unsere Wege gehen

 

Jesus erzählt eine ganz unglaubliche Geschichte. Von einem Hirten, der nicht den Schafen das Leben nimmt, sondern sie beschützt und erhält.

 

Mit diesem Bild erzählt er uns ganz neu und anders von Gott. Er erzählt nicht von einem Gott, der Opfer einfordert, damit wir ihn gnädig stimmen. Er erzählt nicht von einem Gott, vor dem wir schwachen Menschen Angst haben müssen. Er erzählt von Gott, der sich einsetzt, der nicht weniger gibt als sein Leben. Das hat nur einen einzigen, aber entscheidenden und ausschlaggebenden Grund: Gott liebt uns Menschen und er hat keine Freude am Tod.

 

Unser Tod erfüllt ihn mit Trauer, wie nur ein Liebender um einen geliebten Menschen trauern kann. Es ist die Liebe, die uns traurig macht. Während wir Menschen Gott aus Angst opfern, gibt der gute Hirt sein Leben aus Liebe hin. Diese Liebe ist Freiheit und stärker als jeder Tod:

 

„Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen.“ (Jo 10, 18)

 

Wir leben aus der Kraft Gottes, die er nicht gegen uns einsetzt, sondern für uns hingibt.

 

Wir sterben in der Freiheit Gottes, der sein Leben gegeben und wieder genommen hat.

 


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