· 

Pastor Neikes: 13. Sonntag im Jahreskreis

Aus dem Markusevangelium (Mk 6,1b-5) - Die Ablehnung Jesu in seiner Heimat

 

1 Jesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger folgten ihm nach. 2 Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen! 3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. [1] 4 Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. 5 Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.


Welche Tageszeitung lesen Sie? Ich lese die „Süddeutsche Zeitung“. Eigentlich schaffe ich sie nie ganz – außer vielleicht im Urlaub – aber es ist mir Tag für Tag ein Bedürfnis, einen Blick hineinzutun. Ich lese gerade diese Zeitung nicht nur, weil sie mich auf den neuesten Stand der Weltnachrichten bringt, sondern auch und vielleicht vor allem, weil sie die Neuigkeiten des Tages in mein Weltbild einordnet. Kurz gesagt: Meistens findet die SZ die Menschen gut, die ich auch gut finde und böse, die ich auch böse finde. Gemeinsam wissen wir, welche Politiker & -innen gute und richtige Entscheidungen treffen, welche kulturellen Ereignisse interessant sind und vor welchen Gefahren unsere Welt steht.

 

Welche Zeitung lesen Sie?

 

Leider haben wir hier im Ruhrgebiet keine große Auswahl, aber wenn ich an die überregionalen Zeitungen denke … … … Im kurzen Klischee beschrieben: Wenn ich mich zu den sogenannten Wertkonservativen zähle, lese ich „die Welt“, der/die konservativ Liberale liest die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die „FAZ“. Wer es lieber links mag, vertieft sich in die Frankfurter Rundschau oder noch mehr links in die „taz“ (Tageszeitung). Bei einer Zeitung geht es nicht nur um Nachrichten. Wichtig ist auch, wie sich die Nachrichten in mein Weltbild einordnen lassen. Wer möchte schon gerne, dass seine Werte, dass sein Welt-, Freund- und Feindbild bereits beim Frühstück auf den Kopf gestellt wird? Putin plötzlich lieb, Biden böse und Prime Minister Johnson doch ganz normal? Wenn ich in den Tag starte, ist es wichtig zu wissen: Eigentlich ist heute wie gestern und du bist auf der richtigen Seite.

 

Wer möchte schon, dass sein Weltbild durcheinandergerät? Aber genau das ist bei dem Besuch Jesu in seinem Heimatort Nazareth geschehen. Schlimmer noch: Nicht nur ihr Weltbild, sondern auch ihr Gottesbild ist durcheinandergeraten.

 

Sabbat für Sabbat versammeln sich die Menschen von Nazareth in der Synagoge. Sie tun dies aus dem gleichen Grund, aus dem wir (hoffentlich bald wieder und vermehrt) die sonntägliche Messe besuchen: um Gott zu ehren, zu beten, in der Gemeinschaft und im Glauben bestärkt zu werden. Sie tun es fast auf die gleiche Art, wie wir es tun. Es wird gebetet und gesungen, gemeinsam hören sie Worte der Heiligen Schrift. Die alten Worte der Schrift müssen immer wieder neu gesagt werden. Für die Zeit heute, für das konkrete Leben der Menschen, für die aktuelle Situation. Ein guter Brauch ist es, einen Gast das Wort auslegen zu lassen: Schön, dass es an diesem Sabbat ein Sohn des Ortes ist, dessen Ruf mittlerweile durch ganz Galiläa geht. Weisheits- und Wundergeschichten eilen ihm voraus. Ein wenig von seinem Ruhm färbt ja auch auf sie ab. Das tut gut, zumal Nazareth in jenen Tagen nicht den besten Ruf hatte. „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ (Joh 1,46) Nun sind sie gespannt auf das, was der berühmte Sohn der Stadt zu sagen hat. Ich kann mir gut vorstellen wie sie dort erwartungsvoll sitzen und aufmerksam lauschen. Zunächst sind die Nazarener auch ganz angetan. Sie hören und staunen: „Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist!“ (Mk 6,2)

 

Irgendwann jedoch kippt die Stimmung. Wir erfahren nicht, was Jesus gesagt hat. Nur das erfahren wir, dass seine Worte diese ungeheure Wirkung auf die Leute hatten. Fragend schauen sie sich einander an. Was ist in Jesus gefahren? Wir kennen ihn doch. Er bringt nicht nur ihr Weltbild durcheinander, schlimmer noch, auch ihr Gottesbild gerät ins Wanken. – Er ist doch einer von uns: Zimmermann, seine Mutter Maria lebt hier, seine Brüder und Schwestern. – Jesus ist ihnen fremd geworden.

 

Die Menschen in Nazareth wollen gar nichts Neues erfahren. Mit dem Blick auf Jesus, dem berühmten Sohn ihres Ortes, wollen sie hören, dass ihre kleine Welt in Nazareth eine schöne heile Welt ist. Jetzt vergleichen sie den neuen Jesus mit dem alten Jesus; sprich: Mit seiner familiären und mit seiner beruflichen Herkunft, und das passt scheinbar nicht mehr zusammen. Weil das nicht zusammenpasst, kommen sie nicht zueinander. Jesus und die Leute aus Nazareth. Schlimmer noch: Gottes Botschaft und die Menschen aus Nazareth kommen nicht zueinander. Denn mit dem Blick zurück auf den alten, wohlbekannten Jesus nehmen sie sich die Möglichkeit, das Neue zu erfahren, das im scheinbar Alltäglichen, dass in unserem Wohlvertrauten Tag für Tag etwas Wunderbares geschieht: Gottes Gegenwart in unserer Zeit. Nicht in spektakulären Ereignissen, sondern im Alltäglichen, neu, kraftvoll und segnend.

 

Aber nicht nur die Möglichkeit der Nazarener ist verbaut. Auch Gottes Möglichkeiten kommen hier an eine Grenze. „Und Jesus konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben.“ (Mk 6,5.6)

 

Jesus erfährt hier, was schon viele Propheten vor ihm erfahren haben. Aus der Bibel ist diese Erfahrung in unseren Sprachgebrauch übergegangen: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“. Bei der Berufung des Propheten Ezechiel gibt Gott seinem Boten diese Zukunftsperspektive mit auf den Weg: „Mögen sie hören oder es lassen - denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit - sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“ (Ez 1,5) Gottes Wort hat dort keine Chance, wo es nicht aufgenommen wird. Wie ein Samenkorn guten Boden braucht, um aufzugehen, braucht das Wort Gottes ein Herz, das es aufnimmt. Ein Wort, das nicht auf Menschen trifft, die offen und bereit sind, es aufzunehmen, ist in den Wind gesprochen, auch wenn es das Wort Gottes ist. Jesus kann nur dort ein Wunder tun, wo Menschen ihm mit einem offenen Herzen begegnen und bereit sind, seine Botschaft aufzunehmen. Nicht selten sagt er zu denen, die er geheilt hat: "Dein Glaube hat dir geholfen."

 

Die Episode in der Synagoge zu Nazareth stimmt mich nachdenklich.

 

Welche Chance hat Gott heute gehört zu werden? Für die Weltnachrichten, die ich Tag für Tag in der Zeitung lese, mag es gut sein, dass ich einen festen Bestand von Werten habe, an denen ich festhalten möchte und die mir helfen, gut und böse, richtig und falsch zu unterscheiden. Für die Nachrichten von Gott braucht es einen offenen Horizont, dass alles auch ganz anders ein könnte: aus Feind kann Freund, aus Krieg kann Friede, aus Umwelt kann Schöpfung werden.

 

Welche Zeitung lesen Sie? Bevor ich morgens die Zeitung lese, habe ich immer schon einen Blick in die Bibel getan. Da lese ich die Geschichte von Jesus in der Synagoge zu Nazareth und mehr. Bevor ich die Zeitung lese, sagt mir Jesus: „Vielleicht ist alles ganz anders als du denkst.“


Download
Impuls-Datei zum Download
14. So Jk Lj B 04. 07. 2021.pdf
Adobe Acrobat Dokument 195.8 KB

Kommentar schreiben

Kommentare: 0