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Impuls von Pastor Neikes zur Jahreslosung 2021

 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“  

Lk 6,36

 Jahreslosung 2021


Die Jahreslosung der christlichen Kirchen wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) ausgewählt. … … … Wichtige Gesichtspunkte sind .. , dass eine zentrale Aussage der Bibel in den Blick kommt, und zwar in einprägsamer und möglichst knapper Formulierung, ein Bibelwort, das in besonderer Weise ermutigen, trösten Hoffnung wecken oder auch aufrütteln und provozieren kann. (jahreslosung.net)

 



Lk6

Der biblische Kontext:

Liebe zu den Feinden und Verzicht auf Verurteilung

 

27 Euch aber, die ihr zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen! 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beschimpfen! 29 Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd! 30 Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand das Deine wegnimmt, verlang es nicht zurück! 31 Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen! 32 Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. 33 Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. 34 Und wenn ihr denen Geld leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzubekommen. 35 Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurückerhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Am 27. Mai 1942 nimmt die offene Limousine in der Prager Innenstadt eine enge Kurve und kommt zum Stehen. Am Steuer ist ein SS-Oberscharführer, neben ihm sitzt Reinhard Heydrich, der Stellvertretende Reichsprotektor in Böhmen und Mähren. Der Schuss des ersten Attentäters misslingt, da wirft der Zweite eine Handgranate, die unterhalb des Autos explodiert. Schwer verletzt verlässt Heydrich den Wagen und verfolgt die . Bevor er zusammenbricht, verschießt er ein komplettes Magazin auf die Flüchtenden. Die kommen vorerst davon.

 

Da liegt nun - schwer verletzt und sterbend in seinem Blut - einer der größten Kriegsverbrecher. Er ist verantwortlich für die Foltermethoden der Gestapo, war Organisator des Holocaust und wurde der „Henker von Prag“ genannt. An die 10 Millionen Tote gehen wohl auf sein Konto.

 

Eine Frau, die zufällig (?) vorbeikommt und Zeugin der Geschehnisse ist, hält einen Wagen an und sorgt dafür, dass der Schwerverletzte in ein Krankenhaus kommt und versorgt wird.

 „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Lk 6,36

 

Jetzt, in der Weihnachtszeit sind unsere Herzen weich. Die Not der Welt trifft noch mehr als zu den anderen Zeiten des Jahres. Die Augen der hungernden Kinder, die Flüchtlinge, die nur notdürftig in Decken gehüllt sind, oder der Adveniat Aufruf: "Damit Menschen überLeben können". In diesen Tagen passt alles gut zusammen: Das Kind in der Krippe, unsere Lieder und der Weihnachtsbaum, unser Herz, das bereit ist, ein wenig zu teilen – „Seid barmherzig!“ Gerne doch! – Unsere Herzen sind weich und warm, das gibt ein gutes Gefühl.

 

Unsere Herzen sind weich mit Blick auf die Schwachen. Gilt das auch für Menschen wie Heydrich und Konsorten? Haben sie Barmherzigkeit verdient? Müsste sie nicht eher der flehentliche Ruf aus den Psalmen des Alten Testamentes treffen: „Wolltest du Gott, doch den Frevler töten! Ihr blutgierigen Menschen weicht von mir!“ Ps 139,19. Kalt trifft es meine weihnachtlichen Gefühle. Was ist mit Heydrich?

 

Die Forderung Jesu zur Barmherzigkeit finden wir im Lukasevangelium in der Feldrede. Sie ist die Parallele zur berühmteren Bergpredigt im Matthäusevangelium. In beiden geht es um unser Leben, wie wir unser Leben miteinander oder gegeneinander gestalten, ob wir unseren Weg mit Gott oder ohne ihn gehen. Jetzt sind wir im tiefsten Kern der Rede Jesu angekommen. Wie soll ich als Jüngerin, als Jünger Jesu leben? Jesus zeigt einen Weg, diametral entgegengesetzt zum System von Brutalität und Vergeltung verläuft und zu dem Merkmal eines christlichen Lebens werden soll:

 

  • Auf Feindschaft antworte du mit Liebe,
  • auf Fluch mit Segen,
  • auf Beschimpfung mit Gebet,
  • auf Gewalt mit Wehrlosigkeit
  • und auf Raub mit Gabe. (vergl Lk 6,27-29)

 

In der Barmherzigkeit schließlich vollenden sich die Gewaltlosigkeit und die Feindesliebe. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Lk 6,36

 

Die Worte Jesu sind kein neues Gebot, das wir bei Androhung von Strafe einzuhalten haben. Ich kann barmherzig sein, weil ich in der Begegnung mit Jesus Gottes Barmherzigkeit erfahren habe:

 

  • seine ausgestreckte Hand der Versöhnung in der Wehrlosigkeit des Kindes in der Krippe. "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden." Lk 2,14
  • sein gutes Wort an die Aussätzigen und Sünder "Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“ Lk 7,50
  • sein Gebet für die Folterknechte in der Marter der Kreuzigung. "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Lk 23,24

In Jesus hat Gott den ersten Schritt auf einem neuen Weg getan, der jetzt offen vor mir liegt. Ein Weg mit Jesus.

 

Auf diesem Weg nun liegt - schwer verletzt und sterbend in seinem Blut - einer der größten Kriegsverbrecher. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Lk 6,36

 

Was ist mit Heydrich, dem Erbarmungslosen? Mit Seinem Leben steht er alleine vor Gott und vor den Menschen, denen er Leid zugefügt hat.

 

Was ist mit mir? Ich stehe vor einem Menschen der Hilfe braucht. Geht mir sein Leiden zu Herzen, bin ich barmherzig? „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Wo habe ich mein Leben verankert: in dem System von Vergeltung oder in Gott? Welchen Weg werde ich im neuen Jahr 2021 gehen?


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